Denken in Bildern

Was sagen Bilder und vor allem was sagen Bilder über Personen, die andere oder auch sie selber in der digitalen Sphäre veröffentlichen?

Spätestens seitdem 2013 „selfie“ von den Oxford Dictionaries zu ihrem internationalen Wort des Jahres gewählt wurde, hat sich die Praxis, eine mit dem Mobiltelefon geschossene Selbstaufnahme im Internet zu veröffentlichen, weit verbreitet. Der in sein Spiegelbild verliebte Narziss gehörte schon immer zu den Lieblingsmotiven der Kunst und erlebt nun durch die technischen Entwicklungen eine Neuauflage. Im Selbstporträt verschmelzen im Idealfall Eigen- und Fremdwahrnehmung – die Porträtierten können genau definieren, wie sie sich selbst wahrnehmen und, wie sie entsprechend wahrgenommen werden möchten. Im Gegensatz zum Blick in den Spiegel ist das Selbstporträt manipulierbar. Der Spiegel zeigt, was in ihn hineinschaut: das reine Gesicht, das wahre Ich. Im Selbstporträt zeigen wir uns der Welt, wie wir von ihr gesehen werden möchten: geschminkt, verstellt, maskiert. Wir zeigen einen Teil unserer Identität, die erst durch den Blick und die Anerkennung von außen bestätigt wird. Auf dieses Außen vertrauen wir und je mehr Anerkennung wir für eine (der vielen möglichen) Maskierung bekommen, desto öfter bringen wir sie zum Einsatz.

 

Eben diese Form der bewussten Zurschaustellung von Maskierungen in der digitalen Öffentlichkeit ist es, was Elisabeth Schmirl seit einigen Jahren in ihrer Arbeit beschäftigt. Ihr Interesse gilt den Mustern, den Strukturen, den Umständen, die der Veröffentlichung zu Grunde liegen; weniger den tatsächlichen Identitäten.3

 

Die Ausstellung im Traklhaus zeigt eine Auswahl neuer großformatiger Drucke, für die Elisabeth Schmirl erstmals auch mit Farbe experimentiert hat. Das barg einerseits ein größeres Risiko der Unberechenbarkeit des Ergebnisses, schaffte andererseits aber reizvoll Unvorhergesehenes. Motive alter Bilder wirken auf einmal aktuell und neue Bilder sehen wie nachkoloriertes altes Material aus. Die Herausforderung für die Malerin liegt in der Komplexität des Farbdrucks, in der Beherrschung der vielfachen Entscheidungsmöglichkeiten. Der Druck erreicht eine der Malerei ähnliche Lebendigkeit, erhält noch mehr Tiefe und behält dennoch seinen fragmentarischen Reiz – auf der Bildebene ebenso wie auf der Produktionsebene. Ihre Werke basieren auf Fundstücken aus dem Internet. Fündig wird Elisabeth Schmirl durch Kombinationen aus Text- und Bildsuche über Suchmaschinen – in dem Bewusstsein, dass 4 ihre Suche nie neutral ist, sondern beeinflusst von den Algorithmen, die darauf ausgelegt sind, sich ihrem Suchverhalten immer feiner anzupassen. Durch diverse Tricks lässt sich dieser Mechanismus zum Teil umgehen, dennoch bleibt ihre Suche auf ihr Surfverhalten abgestimmt. Die Suchmaschine wird zum Spiegel der Suchenden und damit zu ihrem personalisierten Werkzeug. Da die digitale Bildersuche beschränkt ist auf optische Ähnlichkeiten (Farbigkeit, Bildaufbau), ist das Auffinden unendlich vieler Motive nur eine Vorstufe für spätere Untersuchungen: inhaltliche und assoziative Zusammenhänge kann nur das menschliche Auge herstellen.

 

Zur Verwaltung der Ergebnisse ihrer permanenten Bildersuche hat Elisabeth Schmirl ein umfassendes digitales Archiv angelegt, das nach individuellen inhaltlichen Assoziationsfeldern und Themenblöcken sortiert ist. Um schließlich zu einer Auswahl zu gelangen, spürt sie Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Bildern auf, kombiniert diese und experimentiert mit Ausschnitten und Collagen, bis sich die gewünschten Querverbindungen ergeben, die die spezifische Kraft und Stimmung des zu druckenden Motivs ausmachen. Dabei schöpft sich die Spannung eines Bildes vor allem aus jenen Gesten und immer wieder auffindbaren Mustern der Selbstinszenierung.

 

Dieses wiederholte Auftauchten bestimmter Motive, Gegenstände, Gesten und Details über zeitliche, geografische und kulturelle Grenzen hinweg beschäftige bereits Aby Warburg in seinem Bilderatlas Mnemosyne. Der Hamburger Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler entwickelte mit seinem Atlas ein Ordnungssystem für Bilder (gleich welcher Herkunft), an dem er in den letzten Jahren bis zu seinem Tod 1929 intensiv forschte. Warburg folgte dem Vorhaben, eine Ordnung und Zusammenhänge zwischen Bildern herzustellen und das kulturelle Gedächtnis der Menschheit, das in Bildern bewahrt und weitergegeben und erinnert wird, nachzuvollziehen. Dabei entfernte sich Warburg von der üblichen kunsthistorischen Methode der Bildinterpretation. Ernst H. Gombrich erklärt, Warburg habe „der orthodoxen Kunstgeschichte, die sich auf die allmähliche Herausbildung der stilistischen Mittel der Naturwiedergabe konzentrierte, nie etwas abgewinnen können. Er wollte kein Kunstkenner sein, sondern eine wissenschaftliche Psychologie des künstlerischen Schaffens entwickeln.“1 Der Atlas versammelt auf unterschiedlichen thematischen Tafeln Abbildungen menschlicher Ausdrucksformen bzw. „Pathosformeln“: emotionale Gesten und Mimiken, affektive Gebärden und Posen mit universal gültiger Lesbarkeit.2 Dabei kombinierte Warburg seine Archivbilder auf den Tafeln oft neu – je nachdem, an welchem Thema er gerade arbeitete. Er fotografierte einzelne Bildtafeln als Zwischenstand ab, verwarf sie aber anschließend. Dadurch vermied er, die jeweiligen Konstellationen zu fixieren und ließ die Möglichkeit offen, auf neue Kombinationen und Kontexte zu stoßen. „Warburg hatte ver- standen, dass er darauf verzichten musste, die Bilder zu fixieren, wie ein Philosoph darauf verzichten muss, seine Meinung zu fixieren. Das Denken ist eine Sache der Plastizität, der Beweglichkeit, der Metamorphose.“3

Elisabeth Schmirl ist bei ihrer Motivsuche in der digitalen Sphäre den Pathosformeln der heutigen Zeit auf der Spur. Was heißt dieser teilnahmslose, coole, frontal in die Kamera gerichtete Blick des jungen Mannes auf dem Sofa, wenn hinter ihm das durch wochenlangen Kälterekord eingefrorene Haus in Flammen steht? Und was sieht die junge Frau neben (oder hinter?) dem brennenden Haus durch ihr Fernrohr? Es ist der erschreckende Ausdruck eines unbeteiligten Wegschauens, der uns in diesem Bild Ice and Fire begegnet. Der Farbdruck Birds of a feather flock together veranschaulicht ein Innehalten und vielleicht sogar ängstliches Abwarten auf unterschiedlichen Ebenen. Die Picknickgesellschaft hält in Erwartung des zu schießenden Fotos still, das introvertierte Mädchen zieht sich in seinen Anorak zurück und auch die Flamingos nehmen ihre Schonhaltung auf einem Bein ein. Jedes von Elisabeth Schmirls Bildern gibt eine Stimmung wieder, die dem gegenwärtigen Empfinden unserer Gesellschaft entspricht, auch wenn die abgebildeten Teilmo- tive älteren Ursprungs sind.

Im Gegensatz zu Warburgs Tafeln zeigt sie 5 die Fundstücke zu ihrem gewählten Assoziationsfeld nicht nebeneinander, sondern lässt die unterschiedlichen Bilder in der Montage zusammenfließen. Während sie ihre Bildmotive ausschließlich im Internet sucht, die Archivbilder also eine Flüchtigkeit und Beweglichkeit aufweisen, erhält der Druck eine Haptik, ein Festhalten an einer Motivkombination. Das unstete Suchen mündet in einer Entscheidung, diese Details jetzt und hier derartig und einmalig auf Dauer zu fixieren. Damit kommt das Denken in Bildern bei Elisabeth Schmirl keineswegs zu einem Ende, sondern markiert lediglich einen Zwischenstand ihrer Wahrnehmung der Gegenwart, die sich beim Betrachter fortsetzt.