... ALS DU DENKST

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mädchen mit Schwein, 2009

Öl/Holz, 80x80 cm

 

In diesem Gemälde der jungen österreichischen Malerin Elisabeth Schmirl aus der Serie „… als du denkst“ 2009 drehen einander eine junge Frau und ein Schwein den Rücken zu. Sie sitzt, es steht, sie wirkt müde, ausgelaugt und passiv. Es dagegen entschlossen, wach und aktiv. Ihre Körperhaltung verrät Erschöpfung und Lustlosigkeit, das Tier dagegen wirkt durch die aufrechte Haltung, das gespitzte Ohr und den wachen Blick sehr präsent. Es sind zwei Subjekte in einem undefinierten Raum, ähnlich einer weißen Zelle (white cube), eine Verortung und Identifizierung bleibt offen. 

Ist das rosa Schwein das alter ego der jungen Frau? Oder ist ihr Verhältnis doch ganz anders, als du denkst? „Als du denkst“ lautet der Titel der Bilderserie, aus welcher das Gemälde entnommen ist. Denken, fühlen, handeln sind Verben, die einen Prozess, ein Gefühl und eine Bewegung ausdrücken: 

 

als du denkst? 

als du fühlst? 

als du handelst? 

 

Warum diese drei Fragen nicht den beiden Protagonisten des Bildes direkt stellen und sie zu Wort kommen lassen?

als du denkst?

Frau: „Denke ich? Denke ich in dem Zustand, in dem ich hier gezeigt bin überhaupt? Mein Blick geht ins Nichts – er ist hohl, ausgelaugt und leer. Er ist gerichtet ohne Ziel, ist abwesend und zugleich anwesend. Was bin ich, was ist das Schwein? Möchte ich so sein, wie das Schwein, kann es aber nicht sein?“

Schwein: „Alles ist oft anders, als man denkt. Du denkst ich bin dein alter ego? Mag sein… Mag man ein Schwein sein? Mag vielleicht etwas unter meinem schwarzen Mantel und unter meinem Kopf versteckt sein? Mag ich als Hülle für etwas dienen, das nicht sichtbar, erkennbar ist? Manchmal ist doch alles anders, als man denkt.“

als du fühlst?

Frau: „Ich fühle mich müde, meine Arme sind schwer, meine Schultern noch mehr. Träge lümmelt mein Körper auf dem hölzernen Stuhl, die müden Beine sind hoch gelagert. Mein Kopf droht schlaff nach vorne zu sacken, doch mein Blick – wie bizarr – der so starr nach vorne zielt, fängt den Kopf doch wieder auf. Er schafft ein Gegengewicht, ein Pendant.“

Schwein: „Bin ich dein Pendant? Dein Gegenüber, das dich stützt, hält und da ist? Oder ist es doch anders als du fühlst? Empfinde ich so oder möchtest du nicht so sein wie ich?  Magst du dir nicht manchmal eine Schweinsmaske überziehen und einen schwarzen Mantel umlegen, der dich verhüllt? Der dich schützt gleichsam einer Schicht an der Gefühle abperlen, wie Wassertropfen an einem Regenschutz?“

als du handelst?

Frau: „In meinem jetzigen Zustand bin ich unfähig zu handeln – mein Körper ist zu schwach, meine Gedanken zu träge, als das sie zu kreisen beginnen. Handlungen meinerseits sind ausgeschlossen, mein Zustand ist in diesem Moment zu verklommen, als das ich handeln könnte.“

Schwein: „Handeln, wieso handeln? Soll ich handeln für dich? Was soll ich tun? Worin soll meine Handlung liegen? Darin, dass ich einfach da stehe, wo ich bin, weil ich bin, wo ich stehe? Bin ich dein alter ego, nur siehst du mich überhaupt? Denkst du an mich und fühlst auch mit mir?“

Ist diese Situation nicht eine, die jeder von uns hin und wieder durchlebt? Wünschen wir uns nicht doch auch manchmal ein alter ego, das unsere Wünsche, Träume, Vorstellungen lebt, unsere Identität neu definiert? Sind wir nicht alle gleichzeitig diese junge Frau und das rosa Schwein?

Oder: 

Agieren die zwei Subjekte anders, als Du handeln würdest?

Sind die Emotionen in diesem Gemälde doch anders, als du fühlst?

Oder:

Ist die Geschichte in jenem Bild doch ganz anders, als du denkst?