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Die schwindende Leere beleuchten - Andrea Kopranovic

Essay / Deutsch / English

in: Anamnesis

Artbook Verlag, 2023

Der zweisprachige Essay von Andrea Kopranovic erscheint im Kontext der Publikation Anamnesis. Er begleitet die Arbeiten nicht als äußerer Kommentar, sondern eröffnet einen sprachlichen Raum, in dem sich Bild, Material, Erinnerung und Verschiebung aufeinander beziehen.
Text und Werk stehen hier nicht nebeneinander, sondern in einem editorischen Zusammenhang, der die Praxis in anderer Form weiterführt.

Publikation, Artbook Verlag, 2023


Prolegomenon
Widerhall wird durch einschneidende Vorkommnisse ausgelöst. Als immaterieller Stimmkörper dieser Ereignisse schwingt er irreversibel und unbegrenzt durch die Sedimentationsschichten der Vergangenheit, die ephemere Gegenwart und durch kontingente Zukunftsräume. Wahrnehmbar wird sein Tun anhand der Präsenz von Dingen. Erhalten bleibt er in kollektiven und individuellen Mnemen – als Fähigkeit, Informationen im Gedächtnis zu speichern und zu anderen Erinnerungen in Beziehung zu setzen. Entscheidend ist jedoch nicht die Materialisierung von Objekten oder Erinnerungen selbst, sondern der Umgang damit: Was tun mit dem vielstimmigen Widerhall großer und kleiner Ereignisse?
Elisabeth Schmirl hat einen konzeptuellen Zugang zu dieser Frage gefunden. Ihre Handlungsweisen offenbaren sich im Prozessualen. Ähnlich der kontinuierlichen Reflexion des Widerhalls, gelingt es der Künstlerin ihr anhaltendes Interesse an ästhetischen, gesellschaftspolitischen und ökologischen Fragen in unterschiedlichen Gewichtungen in ihren Arbeiten und Agenden sichtbar werden zu lassen. Der Prozess erhält dabei die Rolle eines Agens der Beobachtung und Ausrichtung. Er bietet die Basis für heuristisches Finden und intuitives Sortieren, das so kapitalistischen Maximierungssystemen bewusst kritisch gegenüberstehen kann. Das Resultat der künstlerischen Reaktionen auf Gefundenes ist kartografisch zu verstehen, in einer weder nutzungsorientierten noch narrativen, sondern aktivistischen Disposition von Handlungsräumen.
Kartografie meint immer auch Vermessung; doch wie kann Immaterielles oder Leere vermessen werden? In den Arbeiten von Elisabeth Schmirl begegnet uns eine Fülle an kumulierten Motiven, die repräsentativ für eine solche quantifizierbare Leere stehen können. Sie werden aus zahlreichen Archiven zusammengetragen, ihrer ursprünglichen Kontextualisierung enthoben und neu verortet. Bezugnehmend auf das Konzept der* feministischen Theoretikerin* und Physikerin* Karen Barad, entstehen Objekte wie Phänomene durch Intra-Aktionen, einem Messverfahren, das nicht auf Strukturen des Anthropozän beschränkt ist. Intra-Aktionen sind demnach kontingente Praktiken der Verschränkung und Unterscheidung und bilden die Grundlage quantenphysikalischer Überlegungen. Verstanden als kreative, ständig weiterentwickelbare Wirkmächte werden sie unmittelbar in eben jenen prozessual-performativen Handlungsräumen erfahrbar, die den Arbeiten von Elisabeth Schmirl vorausgehen, die sie nähren und in denen sie resultieren. 

Meteora
Wolken bilden das verbindende Element in den drei Werkserien „Luminous Clouds“ (2017-2020), „Vanishing Point“ (2019-2020) und „Void Volume – Anthropocene Blues“ (2021) von Elisabeth Schmirl. Sie sind zugleich Protagonist:innen als auch Antagonist:innen – abhängig von ihrer chemisch-atomistischen Zusammensetzung und ihrer metaphorischen Charaktereigenschaften. Gemeinsam ist den Sturm- und Rauch-, wie den Schäfchen- und Dunstwolken neben ihrer substanziellen, aerosolen Beschaffenheit die Unschärfe ihrer Manifestationen. Diese permanente Flüchtigkeit verdichtet die Künstlerin in den foto-/grafischen Arbeiten, deren Bildträger mit der Zeit, aufgrund der technischen Gegebenheiten der Materialwahl, verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Die abgebildeten Wolken und Wetterphänomene sind Spuren zukünftiger Potentiale, ohne deterministisch in irgendeine Richtung eingreifen zu wollen. Sie sind Teil der Meteora (altgriechisch μετέωρος / metéōros – „in der Schwebe“), der in der Luft schwebenden Himmelserscheinungen, und somit gleichzeitig von einer gewichtigen Fülle wie von einer schwerelosen Leere. Ihre Existenz bietet unvorhersehbaren Vorkommnissen einen Platz in unserem materiellen Informationszeitalter. 

White. Immense spaces. White, a rush of breath.

Be swift, marry this breath. Remain in it.

Make haste. Let it not abandon me.

Let me not turn from it. Be swept up: my song.


Beginnen wir bei 0 – der Schwelle zwischen Auflösung und Ausgang. „Vanishing Point“ ist der Titel eines abgeschlossenen Zyklus von rund ein Dutzend Diazotypien (Whiteprints), die eine dynamische Existenz als „veränderliche Unikate“ leben. Die Bezeichnung deutet auf die instabile Lichtbeständigkeit des Printverfahrens hin, dessen Ergebnis sich durch kontinuierliche Reaktionen mit Sauerstoff ohne konservatorische Maßnahmen zu entfärben droht. Der evidente Alterungs- und Auflösungsprozess ist somit ein Aspekt der titelgebenden Idee eines Ephemera. Uns begegnen einstürzende Fabriksschlote, Dampfgebirge massiver Eruptionen, ozeanische Unwetter und Überschwemmungen, aber auch scheinbar zarte Lichtstimmungen über Gebirgen, Seen und am Himmel. Manche Arbeiten tragen den Untertitel „Die Himmlischen und die Irdischen“, ein pointierter Verweis auf die liminale Begrenzung der Horizontlinie. Andere antizipieren den Moment der Katastrophe im Namen – „Devant nous le déluge“. Ausgangspunkt finden alle in einer intuitiv-poetischen Selektion von Bildern aus Datenbanken wie z.B. der NOAA (National Oceanic and Atmospheric Association, USA). Die Auswahl gleicht einer Art Zweckentfremdung, bei der ein Sensorium neuer Daten gewonnen wird. Diese erfüllen schließlich in ihrer Subjektivierung die Notwendigkeit, uns von wissenschaftlich-objektiven Regulativen zu befreien – eine Freiheit, die Aktionsfelder für Reartikulationen eröffnet und den Punkt der Auflösung als fruchtbaren Drehpunkt begreifen lehrt.

Between us, with open bodies, the sky was a luminous cloud.
And I was changed into a cloud. Not in ecstasy nor dissipated into the air, but a body animated throughout. Living and aroused in each part of my flesh.
Die „Luminous Clouds“ leuchten dreifach – aus sich selbst heraus, im Licht ihrer Umgebung und durch den Zwischenraum ihrer Überlagerungen. Sie sind durch und durch strahlende Körper, die zwischen Transzendenz und Immanenz die Luft anzuhalten scheinen. Getragen werden sie von Gesten der Permutation wie der Perkolation – wobei ihre Schichten sich nie vollständig vermengen oder versickern, aber ihre Eigenständigkeit in der Vereinigung bewahren. Elisabeth Schmirl arbeitet innerhalb dieser Serie mit Wassertransferdrucken, die sie wahlweise auf Glas oder hauchdünne Kupfer- oder Aluminiumplatten appliziert. Ist der Bildträger aus Aluminium wirkt er wie ein Stück Papier, das achtlos zerknüllt wurde, um es später wieder sorgsam aufzubereiten. Die unregelmäßigen Falten werfen ein Muster, das die Unschärfe zwischen realem Bild und fiktiven Abbild nochmal verstärkt. In Doppelung der hintereinander gestaffelten, bedruckten Glasplatten ergeben sich hingegen Verschiebungen sowie stärkere räumliche Kontraste. Werden Kupfer- und Glasplatten kombiniert und hintereinander montiert ist der Höhepunkt der Effektmaximierung erreicht – nicht mehr nur diaphan, sondern beinahe erhaben-ehrfürchtig erstrahlen die Wolken hier. Trotz ihrer zarten Maße und Ausformungen fühlen wir uns ihnen gegenüber je nach Gefühlslage hineinversetzt in ein invertiertes Mysterium tremendum bzw. ein Mysterium fascinosum – ein Erschaudern oder Entzücken, sprich Affekte, als Ursache für höhere Dinge.

I opened my eyes and saw the cloud.

And saw that nothing was perceptible

unless I was held at a distance from it by

an almost palpable density.

And that I saw it and did not see it.

Seeing it all the better for remembering the density

of air remaining in between. 


Braucht es oft eine intensive Beschäftigung und Nähe zu den Dingen, erscheint eine Distanz zu ihnen das notwendige Gegengewicht dieses Balanceaktes. Das sensitive Herantasten an und Navigieren des Dazwischenliegenden wird in der jüngsten Werkserie „Void Volume – Anthropocene Blues“ durch die Figur der Frau mit Wetterballon verkörpert. Wetterballons werden in der Meteorologie als Transportvehikel für Messgeräte und Sonden verwendet, um vor allem die Windrichtung und den Wolkenstand zu bestimmen. Mit Helium oder Wasserstoff gefüllt und aus einer sensiblen Gummihaut bestehend, wird die essenzielle Funktion dieser artifiziellen Himmelskörper – das Tragen – hier verdoppelt: Koren gleich, die den Wettergöttern eine Votivgabe darreichen wollen, entsenden die Frauen in Elisabeth Schmirls Arbeiten die weißen Sphären. Anders als ihre antiken Vorgängerinnen sind die Zeitgenossinnen jedoch keine Dienerinnen einer patriarchal gestalteten Fortschrittsgesellschaft. Männer fehlen in den Darstellungen bewusst, sind es doch Frauen, die zwischen Erde und Himmel, Solidem und Gasförmigen, Kultur und Natur vermitteln – eine Emanzipation aus den Strukturen der bisherigen neokapitalistischen Welt, die sich auch in den Untertiteln spiegelt: „climate grief? a fierce tenderness toward the destruction of our world?“, „Nothing not held hostage by the hand of Man; to save our world?“, „Why don’t people 'look up'? In other words, why do they almost blindly do things that are counter to their well-being or survival?”, “my love for you sings for you, world”. Zugleicht erreicht die metaphysische wie reale Vermessung des Immateriellen in dieser Serie ihren Kulminationspunkt. 

Epilog
Elisabeth Schmirl gelingt es, in ihren auf den ersten Blick unschuldig wirkenden Arbeiten ein ganzes Spektrum an kritischem Willen zu eröffnen: Sei es ein Nachdenken über die Klimakrisen und den damit verbundenen philosophisch-gesellschaftlichen Umgang mit dem Anthropozän, die politische Frage der Stellung der Frau*, die ästhetische Formulierung einer Präsenz der Dinge oder das Aufzeigen alternativer Möglichkeiten, aktivistisch zu arbeiten. Es ist ein stets respektvoller Umgang mit den gefundenen und aufbereiteten Ressourcen der dem Ganzen zu Grunde liegt. Denn nicht das Ereignis, das Objekt oder die Erinnerung daran sind entscheidend, sondern die Art und Weise der Auseinandersetzung mit und zwischen ihnen. Bei Elisabeth Schmirl bedeutet das mitunter universell anstelle von subjektiv-biografisch zu agieren, neuro-soziologisch statt rein historisch, relational anstatt singularisierend. Sie lädt Kontingenz in ihren Prozess ein, in einer Geste, die uns außerhalb des Anthropozentrischen führt, außerhalb der rationalen Wirkstätte und des Einflusses des Menschen. Mit und in ihren Arbeiten werden Kategorisierungen zugunsten poetischer Setzungen überbrückt und klingen noch lange in unseren individuellen wie kollektiven Wahrnehmungen nach.

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1 Karen Barad, Was ist das Maß des Nichts? Unendlichkeit, Virtualität, Gerechtigkeit, Hatje Cantz, Ostfildern 2012 (dOCUMENTA (13), 100 Notizen – 100 Gedanken, No. 099), S. 18-34; hier S. 22 / Karen Barad, What Is the Measure of Nothingness? Infinity, Virtuality, Justice, Hatje Cantz, Ostfildern 2012 (dOCUMENTA (13), 100 Notes – 100 Thoughts, No. 099), pp. 4-17; here pp. 7-8

 

2  Luce Irigaray, Elemental Passions, aus dem Französischen übersetzt von Joanne Collie und Judith Still, Routledge, New York-London 1992 (Les Editions De Minuit, Paris 1982), S. 7 / Luce Irigaray, Elemental Passions, translated from the French by Joanne Collie and Judith Still, Routledge, New York-London 1992 (Les Editions De Minuit, Paris 1982), p. 7

 

3 Ebd., S. 99 / Ibid., p. 99

 

4 Ebd., S. 105 / Ibid., p. 105

 

IN ZUSAMMENHANG MIT

Anamnesis
Publikation, Artbook Verlag, 2023

Anamnesis
Werkgruppe / 2023

Publications
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Bibliografische Angabe
Andrea Kopranovic, Die schwindende Leere beleuchten / Illuminating the Dwindling Void,
in: Anamnesis, Artbook Verlag, 2023.

Detail - Installationsansicht, Anamnesis, 2023;

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