PRACTICE
ZWISCHEN BILDPRODUKTION UND STRUKTURARBEIT
Die Praxis von Elisabeth Schmirl bewegt sich zwischen Bild, Objekt, Druck, Raum und Recherche. Oft beginnt sie mit etwas Vorgefundenem: digitalen Bildern, historischen Fotografien, Oberflächen, Fundstücken, visuellen Resten. Dieses Material wird nicht dokumentarisch übernommen, sondern in mehrstufigen Verfahren verschoben, bearbeitet, montiert, übertragen oder in räumliche Konstellationen überführt. Dabei geht es nicht um das perfekte Bild, sondern um ein gutes — eines, das Wahrnehmung öffnet, Zusammenhänge verschiebt und neue Lesarten ermöglicht.
Im Zentrum steht nicht das Bild als abgeschlossene Aussage, sondern das Bild als instabiler Zustand. Viele Arbeiten entstehen an Übergängen: dort, wo Sichtbarkeit brüchig wird, wo Informationen ausfransen, wo Motive nur teilweise lesbar bleiben und Material, Licht oder Blickwinkel das Wahrgenommene verändern. Entscheidend ist nicht die Eindeutigkeit des Bildes, sondern seine Fähigkeit, Wahrnehmung in Bewegung zu setzen.
Archive sind dabei nicht nur Materialspeicher, sondern Arbeitsinstrumente. Gesucht werden keine vollständigen Ordnungen, sondern Bildreste, Leerstellen, Verschiebungen und Nebenpfade. Das Sammeln ist nie neutral; es ist eine Form der Auswahl, der Zuspitzung, der Relektüre und der Neuverortung. Archive sind nur so viel wert, wie sich aus ihnen lernen, lesen und weiterdenken lässt. Die Verortung in der Zeit ist dabei ein wiederkehrender roter Faden.
Auch die Verfahren tragen ihr eigenes Denken in die Arbeit ein. Druckgrafische, fotografische und materialgebundene Prozesse speichern Zeit, verzögern, filtern, spiegeln oder entziehen. Manipulation wird nicht verborgen, sondern als stoffliche Qualität sichtbar gemacht: in Schichtungen, Fragmentierungen, Überlagerungen, Imperfektionen. Material ist nicht bloßer Träger, sondern Mitspieler. Es antwortet, widersetzt sich und verändert, was sichtbar werden kann.
Die Praxis steht zudem in enger Verbindung zu Fragen der Bildkultur im digitalen Zeitalter. Sie beobachtet analoge und digitale Kreisläufe, die visuellen Äußerungen von Menschen, Prozesse der Strukturierung und die sozialen, kulturellen, ökologischen und ökonomischen Folgen technologischen Wandels. Bildproduktion erscheint hier nicht losgelöst von Systemen, sondern als Teil ihrer Beobachtung und kritischen Befragung.
Zur Praxis gehören daher nicht nur Werkserien und Ausstellungen, sondern auch Lehre, Publikation und selbst initiierte Strukturen. In Formaten wie periscope, SUPER und der Druckwerkstatt wird künstlerisches Arbeiten als Erzeugung von Handlungsräumen verstanden: als genaue Beobachtung, als Kartografie vorhandener Bedingungen, als Gespräch, als gemeinsames Denken und als Entwicklung anderer Nutzungen, Beziehungen und Öffentlichkeiten. In diesem Sinn verbindet die Praxis Bildproduktion mit Strukturarbeit und öffnet Räume, die weder rein nutzungsorientiert noch bloß narrativ sind.
So fragt die Praxis nicht nur, was sichtbar ist, sondern auch, unter welchen materiellen, sozialen, technologischen und räumlichen Bedingungen Sichtbarkeit entsteht — und wie sich daraus neue Formen des Zeigens, Teilens und Handelns entwickeln lassen.
2022, Die Transformation des Bildes, Atterseehalle, Ausstellungsansicht / Exhibition View
Bild / Objekt / Druck
Archiv / Fundstück / Relektüre
Material / Zeitlichkeit / Übergang
Raum / Konstellation / Installation
Lehre / Publikation / Gespräch
Handlungsraum / Öffentlichkeit / Verschiebung
Werkserien, Ausstellungen und räumliche Versuchsanordnungen
Publikationen, Editionen und experimentelle Druckverfahren
Lehre, Gespräch und kollektive Prozesse
periscope, SUPER, Druckwerkstatt
Aktuell verdichtet sich diese Praxis u. a. in Unreadable Stills / Obscure Objects sowie in den dazugehörigen Text- und Ausstellungskontexten.
Unreadable Stills
Current / Ongoing — in Arbeit, in Bewegung
periscope / SUPER — selbst initiierte Handlungsräume
