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Anamnesis, Tina Teufel

EÖ-Rede / Deutsch
für Elisabeth Schmirl. Anamnesis
Stadtgalerie Lehen, August 2023

Der Text von Tina Teufel entstand als Eröffnungsrede zur Ausstellung Elisabeth Schmirl. Anamnesis in der Stadtgalerie Lehen. Er liest die Arbeiten über Schichtung, Erinnerung, physische Bewegung im Raum und die Frage, wie sich Vergangenheit in der Gegenwart neu verorten lässt. Die Rede steht damit im Zusammenhang von Ausstellung, Werkgruppe und Publikation, bleibt aber in ihrem Ursprung an den konkreten Ausstellungsraum und seine Erfahrbarkeit gebunden.

Installation, Anamnesis, Stadtgalerie Salzburg, 2023

In Elisabeth Schmirls Werken und Rauminstallationen entstehen Bildwelten, in denen sie die Grenzen zwischen realen und imaginären Räumen, zeitlichen Ebenen und sozialen Kontexten verschwimmen lässt. Die Vielschichtigkeit ihrer Arbeiten nährt sich aus digitalisierten Fotoarchiven oder dem eigenen Fundus, aus dem Umgang mit Inszenierungen, menschengemachten Systemen und der prozesshaften Qualität, die den von ihr gewählten Techniken und Medien innewohnt. Zahlreiche Gedanken- und Interpretationsebenen basieren auf Fragen, die ihr ruheloser, nach Wissen durstender Geist immer wieder stellt. Es sind dies Fragen nach der Auseinandersetzung mit Geschichte, mit Erinnerungen, nach dem in uns allen verankerten Erkenntnisprozess für den wir aus dem kollektiven Gedächtnis – oder Seelengedächtnis im Platon’schen Sinne – schöpfen. Zugleich fordert Schmirl uns mit dieser neuen Werkgruppe auf, nicht nur in unserer eigenen Erkenntnis weiterzugehen, sondern dies durch physisches Bewegen zu unterstützen und letztlich aus der Bearbeitung der Vergangenheit in der Gegenwart Möglichkeiten für die Zukunft zu finden und zu erfinden.

Als side effect zeigt sich die wiederholt auftauchende Frage nach dem Sinn: Warum wurden diese Fotos gemacht? Wer sind die Menschen, die hier abgebildet sind und warum posierten sie sich auf diese Weise, nahmen die jeweiligen Haltungen ein? Die zeitliche und räumliche Verortung, zu der wir uns durchaus hinreißen lassen, steht allerdings nicht im Fokus der Künstlerin, sondern die technischen Möglichkeiten zur Verkörperung eines manipulierten Bildes, die es seit den frühen Experimenten mit fotografischen Techniken bis hin zur heutigen künstlichen Intelligenz gibt. In Schmirls Arbeiten werden sie als Schachtelungen, Fragmentierungen und Imperfektion bewusst sichtbar und eröffnen Möglichkeiten: Manipulation, die im wahrsten Wortsinn mit der Hand gemacht wird, zeigt sie als stoffliche Qualität, bietet aber nur eine von vielen Alternativen. Gemeinsam ist den collagierten, sich überlappenden und wiederholenden Bildelementen, dass sie niemals zufällig entstanden sind: Elisabeth Schmirl interessiert sich nicht für Schnappschüsse, sondern für Posen, Inszenierungen und den moralischen Fingerzeig, den sie durch Zitate – und zuweilen die Titel – verstärkt. Wie sehen und interpretieren wir im Heute, das, was damals gezeigt werden wollte? Wie inszenierte man ein Seebad, Turner, das Schwimmenlernen und welche Erkenntnisse verknüpfen sich im Heute damit? Schmirl stellt sich die Frage, ob es eine Neuinterpretation der Vergangenheit braucht, um Weichen für die Zukunft zu stellen.

Genau das ist der Moment, in dem wir aus einem ergebnisorientierten Betrachten in ein Betrachten wechseln, das implizierte Regeln ignoriert und poetische Momente sichtbar werden lässt: die ältere Dame, die es sich in einer Hooverville trotz ihrer offenkundig schlechten gesellschaftlichen Lage mit einem blumengeschmückten Tisch vor ihrer Baracke bequem macht und offenbar belustigt das Ringen junger Männer beobachtet; der mit seinem Pokal posierende Schwimmer, dem in der kargen Landschaft und dem ruinösen Überrest menschlicher Bausubstanz das Wasser abhandengekommen ist; der über die Jahre ins Wanken geratene Wasserturm, der seine Haltung nicht mehr so stramm wahren kann, wie der Turner; der Tsunami, der über Schwimmerinnen hereinzubrechen droht, aber durch die Fragmentierung der Welle, die sich in der Armbewegung der jungen Damen wiederholt, an Bedrohlichkeit verloren hat.

Auf dünne Spanplatten gedruckt, verzahnen sich vier der Motive zu einer karussellartigen Konstruktion, die so fragil wirkt wie ein Kartenhaus, das jeden Moment einem Windstoß zum Opfer fallen kann. Wir werden durch unsere Neugier getrieben darum herumzugehen, sind versucht, es in Bewegung zu setzen, nehmen Blickwinkel ein, aus denen sich die Bildfragmente zu einem größeren Ganzen zusammensetzen und gehen auf Abstand oder zur Betrachtung von Details wieder näher heran. Weitere Elemente stehen im Raum getrennt und lassen ihre Verbindung erst mit erheblicher Distanz und in einem bestimmten Winkel erkennen. Die Bildträger unterstreichen die Fragilität menschlicher Existenz: Schmirl meint damit die Tatsache, dass wir als Lebewesen in einem Körper nur in der Gegenwart leben, im Jetzt, und die Technik damit lediglich als ein Mittel zur räumlichen, zeitlichen und stofflichen Verortung dient.

Ein sich wiederholender Themenstrang ist die Eroberung des Naturraums durch die Menschen: der menschliche Wille, sich die Natur Untertan zu machen, der Erde Rohstoffe zu entreißen, sie mit Bauten zu gestalten und zu bezwingen. Alles, was sich die Natur nicht zurückerobern soll, muss mit großem Aufwand erhalten werden und ist im Grunde nichts anderes als Inszenierung.
The Versailles - Why are we sitting here around the campfire? The histoire is the what and the discours is the how, but what I want to know, Brigham, is le pourquoi kombiniert Elemente einer Serie von Fotos von für den Winter zum Schutz gegen Kälte eingepackte Skulpturen und Vasen aus Parks in Paris und Versailles mit alten Fotografien von Bergbauhütten und Gruben, aus denen möglicherweise das Material für sie und die für sie nötigen Werkzeuge gewonnen wurden.
Das großformatige Mural ist ein Zitat aus dem Video But you can’t imitate what somebody does, until you have learned how they do it. Sie zeigt Waldarbeiter Mitte des 19. Jahrhunderts beim Abholzen von Redwoods, die zur Zeit der großen Trecks des Goldrausches nach Kalifornien begehrte Rohstoffe der Holzindustrie waren. In mitunter lässigen Siegerposen ließen sich die Holzfäller nach erfolgreicher Erlegung der größten Bäume der Welt ablichten – David gegen Goliath. Schmirl stellte sich die Frage, wie viel Information, Erfahrung und Erkenntnis es braucht, um verwandte oder ähnliche Bilder zu generieren. Im menschlichen Gehirn passiert das über die Erinnerung. In digitalen Archiven und Online-Suchmaschinen gibt es inzwischen Bildersuchen mit Bildern. Aber was passiert, wenn das Gegenüber, mit der Bildinformation, mit der Beschreibung nichts anfangen kann? Wenn es sich außerhalb unseres Denk- und Wahrnehmungssystems befindet? Künstliche Intelligenz ist einer der Wege, die wir gegenwärtig beschreiten: Das OpenAI-Programm DALL-E wurde von Schmirl entsprechend mit Informationen versorgt. Der künstlichen Intelligenz fehlt es jedoch (noch) an einem prinzipiellen Verständnis der physischen Welt und so verliert sich die sinnliche Erfahrung der künstlerischen Manipulation im Digitalen merklich und vor allem die Menschen, deren Erscheinungsbild nach mehr als hundert Jahren so fremd ist, verschwimmen zu Schemen.

In und mit allen von ihr kreierten Bildwelten geht es Elisabeth Schmirl nicht darum, ein perfektes Bild zu schaffen, sondern ein gutes. Ein Archiv ist für sie daher nur so viel wert, wie das, was wir aus ihm schöpfen, wie wir mit ihm arbeiten und was und wie wir aus ihm lernen. Wir begreifen uns und unser Umfeld immer im Jetzt und in der empathischen Manipulation der Vergangenheit, die uns Archive ermöglichen, sieht die Künstlerin damit verbunden eine Hoffnung für die Zukunft. Die Verortung in der Zeit ist ihr roter Faden.

When we look at what we can’t see, what we do see is the stuff inside our heads. 320 x 240 cm, Druckfarbe auf Holz, Unikat, 2023

 

IM ZUSAMMENHANG MIT

Anamnesis
Ausstellung, Stadtgalerie Lehen, 2023

Anamnesis
Werkgruppe

Publications
Texte, Editionen, Bücher, editorische Räume

 


BIBLIOGRAPHISCHE ANGABE

Tina Teufel, EÖ-Rede zu Elisabeth Schmirl. Anamnesis,
Stadtgalerie Lehen,  August 2023.

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