Pressetext / Deutsch
zur Ausstellung Unreadable Still
Galerie Sophia Vonier, Salzburg, 2026
Der Text von Niklas Koschel erscheint im Kontext der Ausstellung Unreadable Still in der Galerie Sophia Vonier, Salzburg, 2026. Er verbindet Obscure Objects und Unreadable Still über eine Betrachtungsweise, in der Fundstück, Reflexion, Bild und Blick nicht getrennt voneinander erscheinen. Der Text begleitet die Arbeiten nicht als bloße Beschreibung, sondern als sprachliche Verdichtung ihrer Wahrnehmungslogik.
Unreadable Stills, Installationsansicht, Galerie Sophia Vonier, Salzburg, 2026
Drei eigenartige Objekte – einst vergessene und nun wieder gestrandete Gegenstände – bilden den Auftakt und Anker einer Ausstellung, die den persönlichen Blick als Prinzip und Methode versteht. Als leidenschaftliche Sammlerin und aufmerksame Finderin empfindet Elisabeth Schmirl Gegenstände als Fundstücke, die sich in metaphorischen Warteräumen befinden. In der künstlerischen Anverwandlung dieser sich im Ausstellungsraum nun spiegelnden Objekte setzt die Künstlerin die Besucher:innen kaleidoskopischen Blickbedingungen und Betrachtungstechniken aus. Das Werk von Elisabeth Schmirl bewegt sich dabei zwischen Objektkunst, Fotografie und Druckgraphik ohne eine Unterscheidung dieser Medien zum Inhalt machen zu wollen. Was bleibt, ist nicht die Frage nach der Hygiene künstlerischer Medien, sondern ein sinnlich verwobenes Verhältnis zwischen Betrachter:in und Bild, das auch buchstäblich mannigfaltige Reflexionen erzeugt.
Alles, was da ist, beeinflusst, was passiert.*
Es gibt den Moment, in dem ein scheinbar ungerührt beobachtetes Objekt zurückblickt. Irgendwo zwischen Oberfläche und Tiefe, kippt dann das Verhältnis von Sehendem und Gesehenem, sodass, was eben
noch Betrachtung war, Begegnung wird. Ausgelöst durch den Blick, der auf es fällt und als Reflexion auf ihn zurückgeworfen wird, lässt sich erkennen: wir selbst sind nicht souveräne
Betrachter:innen, sondern lange Teil genau des Bildes, das wir zuvor als Aussenstehende zu betrachten glaubten. Jacques Lacan nannte das den Fleck im Bild — eine unausweichliche Verstrickung des
Sehenden in das Gesehene. In den Arbeiten von Elisabeth Schmirl sind wir dieser Fleck. Und das Bild, sei es in Form eines Objekts, in Form eines Motivs oder gar in Form einer Empfindung, ist eine
Gemengelagen von Fundstücken, die sich in permanenten Pausenzuständen befinden. Motive sammeln sich an, legen sich übereinander, werden verflochten und stapeln reiheweise Information. Das
Konglomerat an kaleidoskopisch angelegter Bildlichkeiten im Werk der Künstlerin verweist auf immer fortwährende Betrachtungsweisen: Ein Bild, so müsste man nun veranlasst sein zu behaupten, ist
gar kein Bild, sondern zunächst immer ein Blick.
Die für die Ausstellung titelgebende Werkgruppe der Unreadable Stills folgt diesem Prinzip als Experimentreihe mit unzähligen Varianten. Hierbei druckt die Künstlerin Bildmotive als Unterdruck
mit Tiefdruckfarbe auf Glasplatten und/oder benetzt sie mit Gelatine und belichtet diese. Motivisch überlagert, modifiziert und verändert Schmirl digitale Collagen von Wolken, Geysiren und
Vulkanausbrüchen, die in Form variabler Wolkenverdichtungen Kontexten, Funktionen und Zeiten entschweben. Begegnen wir dem fragmentierten Bild eines Vulkanausbruchs anders als einer Cumulus-Wolke
an einem lauen Sommertag? In dem angereicherten Remix scheinen die Wolkenformationen motivisch fast ununterscheidbar und zauberhaft willkürlich zu sein: Alles ist Kondensat. Alles ist raumarmes
oder raumreiches, anmutiges, fast spirituelles Gebilde. Alles bezeichnet einen Zustand, der sich in steter Auflösung befindet. Was unterscheidet also das Bild einer Cumulus–Wolke von dem
Rauchwolken-Bild eines Vulkanausbruchs?
Der menschliche Blick sortiert menschliche Ansammlungen – und merkt dabei, dass das Sortieren selbst zum eigentlichen Motiv wird.*
Nicht die Ursache macht das Bild, sondern der Umgang mit dem Motiv. Das, was es bedeutet Bild zu sein, das wird in den Arbeiten von Schmirl deutlich, findet sich weniger im Motiv, sondern in der
Betrachtungsweise.
Poem heißt eine weitere wesentliche Werkserie, deren Ausgangsmaterial 25 Jahre alt ist. Gelbe Quadrate, die zu Studienzeiten entstanden sind, bilden ein Bestehendes, das nun überschrieben wird.
Private Innenräume öffentlicher Personen aus digitalen Archiven oder anderweitiges Found-Footage-Material naturbedingter Ereignisse, collagiert die Künstlerin verdichtend zu einer eindrücklichen
Einheit. Sie thematisiert dabei Momente, die in ihrem Status bewahrt werden und dennoch prozessual verkörpert sind – als Druckgrafik, als Schichtung und als Melange aus Historie und
Gegenwärtigkeit. Die Motive der Demolition, der Disruption und naturell bedingten Störfaktoren thematisieren dabei nicht die mögliche Naturkatastrophe, sondern den bildnerischen Umgang mit
Erinnerung und den Prozess ihrer Wiedergabe.
Wie verbindet man einen Tannenzapfen und einen Legostein?*
Indem man den Blick auf sie zum Bild werden lässt.
*Die markierten, fragmentarisch wiedergegeben Passagen entstammen dem Gedächtnisprotokoll aus einem Gespräch mit der Künstlerin.
IM ZUSAMMENHANG MIT
Unreadable Still / Obscure
Objects
Werkgruppen / 2026
Unreadable Stills
Galerie Sophia Vonier, Salzburg, 2026
Obscure Objects, Detailansicht, 2026
Unreadable Still, Galerie Sophia Vonier, Salzburg, 2026
BIBLIOGRAFISCHE ANGABE
Niklas Koschel, Pressetext zu Elisabeth Schmirl, Unreadable Still,
Galerie Sophia Vonier, Salzburg, 2026.
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